INTERVIEW MIT GEREON WETZEL UND ANNA GINESTI ROSELL

Frage: Wie kommt man darauf über das EL BULLI einen Film zu machen?

AG: Wir waren ehrlich gesagt nie zuvor in einem Sterne-Restaurant, geschweige denn in einem mit drei Sternen. Uns interessierte die Tatsache, dass ein Koch sein Restaurant für sechs Monate schließt, um auf neue Ideen zu kommen. Die Köche ziehen sich wie in ein Kloster zurück und verzichten auf den Umsatz eines Halbjahres, um ihre Kreativität auszuleben. Das fanden wir eigenartig und faszinierend. Der Film hatte von Anfang an einen klaren Fokus auf die Arbeit im Taller.
GW: Das katalanische Wort Taller bedeutet Werkstatt, aber eben auch Atelier. Kreative Prozesse interessierten uns auch schon in vorangegangen Filmen. Hinzu kommt: Das EL BULLI besteht ja nicht nur aus Ferran Adrià, sondern aus einem ganzen Team. Ferran ist der Regisseur, er hält die Fäden in der Hand und behält den Überblick. In solchen Teams sind auch die menschlichen und sozialen Prozesse interessant, Menschen werden in Dokumentationen ja auch zu spannenden Filmfiguren.

Frage: Einen Film über eine solche Berühmtheit wie Ferran Adrià einzufädeln ist sicher schwierig. Wie seid ihr vorgegangen?

AG:
Es war erstaunlich einfach. Wir hatten mehrmals über die Möglichkeit gesprochen über ihn einen Film zu machen, als wir in der Zeitung gelesen haben, dass er zur Documenta 12 (2007) eingeladen würde. Das war für uns ein Signal. Wir haben dann auf der Website des EL BULLI die E-Mail-Adresse gesucht und ihm geschrieben, haben unser Vorhaben geschildert, dass wir ein ganzes Jahr drehen wollen und vor allem den Kreativprozess begleiten wollen. Kurz danach kam die Antwort: Interessant, kommt vorbei! Genauso haben wir's dann gemacht, sind hingefahren, haben mit ihm gesprochen, direkt mit ihm, nicht mit einem Pressesprecher. Er war sofort überzeugt von unserer Idee und eigentlich sollten wir noch 2007 anfangen zu drehen, was sich dann aber verzögert hat.

Frage: Was denkt ihr hat ihn überzeugt? EL BULLI – COOKING IN PROGRESS ist ja keineswegs das erste filmische Werk über seine Arbeit.

GW:
Es hat in der Tat schon viele Filme über das EL BULLI gegeben, von Fernsehsendern, aber auch Eigenproduktionen aus dem Umfeld des EL BULLI. Was ihn überzeugt hat war, glaube ich, dass sich jemand die Zeit nimmt den Kreativprozess wirklich in den Mittelpunkt zu stellen, und das anhand der naheliegenden Struktur, die das EL BULLI ja so besonders macht: ein Restaurant, das nur ein halbes Jahr geöffnet ist, weil der Rest des Jahres für Forschung aufgewendet wird.

Frage: Wie habt ihr euch vorbereitet?
GW: Als wir wussten, dass wir den Film machen werden, sind wir dann doch in ein Sterne-Restaurant gegangen, und zwar eines, von dem wir wussten, dass es die sogenannte Molekularküche – ein Begriff, den Ferran Adrià übrigens nicht besonders schätzt – anbietet. Ferran hat uns dann ans Herz gelegt, uns mit einem wichtigen Denker des EL BULLI zu treffen, Josep Maria Pinto. Von ihm bekamen wir einen Crashkurs, der uns auch geholfen hat, den Status Quo dieser Küche zu begreifen.

Frage: Wie habt ihr diesen ja sehr undurchsichtigen Kreativprozess im Taller filmisch begleitet?

AG: Wir haben zunächst viel anderes Material gesichtet. Das EL BULLI Team publiziert ziemlich viel, jedes Jahr erscheint ein Katalog aller in der Saison entwickelten Gerichte. In früheren Katalogen werden auch Forschungsansätze und Kreativmethoden beschrieben. Auch in den Fernsehbeiträgen, die wir gesichtethaben, gibt es kurze Einblicke. Wir hatten also, so dachten wir, eine gewisse Ahnung.
GW: Wenn Filme oder TV-Sendungen die Arbeit im Taller gezeigt haben – und es wurden viele dort gedreht– dann immer mit der Frage wie das Taller grundsätzlich funktioniert. Während es uns um den konkreten und auch unvorhersehbaren Prozess ging. Bestimmte Gerichte haben uns angefangen zu interessieren und wir haben versucht während der langen Drehzeit – etwa einmal pro Monat eine Woche – an die Entwicklung von einzelnen Gerichten anzuknüpfen. Ferran Adrià, Oriol Castro und Eduard Xatruch haben uns sehr geholfen, indem sie ihre Forschungsphasen auf unsere Anwesenheit abgestimmt haben, z. B. auch einmal eine Art Zusammenfassung aller Gerichte, die bereits entwickelt wurden.

AG: Vor allem Eduard Xatruch war unser Kontaktmann in all den Monaten, außerdem durften wir das ganze Material benutzen: man sieht ja im Film, wie jeder Versuch penibel dokumentiert wird, für jedes Gericht ein eigenes Datenblatt. Diese Datenblätter durften wir kopieren und zur Vorbereitung der nächsten Drehphase benutzen.

GW: Dieses Material war auch in der Montage sehr hilfreich, weil man darüber die Gerichte identifizieren konnte und weil man wusste, mit welchen Ingredienzien sie hergestellt wurden. Beim ersten Dreh im Taller waren wir noch ganz schön verwirrt, wir merkten, wie komplex die Vorgänge sind, wie schnell sie gedacht und gemacht werden, wie schnell sich Dinge entwickeln und wie schwer es ist zu folgen. Der Film versucht fünf, sechs Gerichten anhand eines roten Faden zu folgen, natürlich notwendigerweise fragmentarisch erzählt.

Frage: Durftet ihr auch im EL BULLI essen?

GW: Ja! Ganz am Ende des Drehs hat uns Ferran einen Tisch freigeschlagen. Es war ein großartiges Erlebnis, sehr entspannt, sehr lustig. Wir waren aber auch erleichtert: Immerhin hatten wir uns drei Jahre mit der Materie beschäftigt, ohne so genau zu wissen, worin die Magie dieses Essens besteht. Und an diesem Abend wurde uns vielleicht erst so richtig klar, wie fabelhaft die Arbeit von Ferran und seinem Team ist.

Frage: Wie würdet ihr die Zusammenarbeit mit Ferran Adrià beschreiben?

GW: Enorm unkompliziert. Ferran bedeutet das Filmprojekt viel, er hat uns sehr unterstützt, etwa durch die Synchronisierung seines Kalenders mit unserem, was uns ermöglichte der Entwicklung genau zu folgen. Nie hatten wir den Eindruck, dass wir irgendetwas nicht filmen durften, wir hatten wirklich alle Freiheiten und er schenkte uns sein Vertrauen. Man bedenke nur, dass wir Zugriff auf die gesamte Dokumentation der kommenden Saison hatten, mit allen Informationen über die Techniken und Zutaten. Auch Oriol und Eduard muss man hier erwähnen und die Geduld, mit der sie uns über Wochen ertragen haben ohne uns das Gefühl zu geben, dass wir stören.

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